Brief von Marie Stritt an Schwimmer II.

Dresden, den 16. Februar 1905.

Wintergartenstrasse 3.

Liebes Fräulein Schwimmer!

Die freundliche Zusendung Ihres schneidigen Artikels „Frauenstimmrecht in Ungarn“ – den ich natürlich mit vielem Vergnügen für’s C.B. behalte – gibt mir Veranlassung, nicht nur Ihnen den herzlichsten Dank dafür auszusprechen, sondern auch überhaupt etwas von mir hören zu lassen, nachdem ich so lange geschrieben habe. Ich würde hinzufügen „unverantwortlich“ lange, wenn es nicht eben doch zwingende und zum Teil recht unangenehme Gründe – unter anderen wiederholtes Unwohlsein – gewesen wären, die mich vom Schreiben zurückgehalten haben. Also seien Sie, bitte, lieb und üben Sie Nachsicht!

Ich nehme die Gelegenheit wahr, Ihnen sowohl für alle inzwischen gesandten Notizen wie auch für Ihre Zeilen von 8. November und die freundliche Anerkennung für mein „erstes Auftreten in Ungarn“ auszusprechen. Dass die Sache nun bei Ihnen auch so fein in Fluss gekommen ist, war mir eine grosse Freude zu hören, und aufrichtig beglückwünsche ich Sie zur Gründung Ihres Feministenvereins, dessen verschiedene Publikationen ich mit großem Interesse gelesen habe. Seien Sie mir, bitte, nicht böse, dass ich es verbummelte, Ihnen die erbetenen Drucksachen unseres Rechtsschutzvereines zu senden. Ich entdecke eben die darauf bezügliche Karte, die ich seinerzeit in Ihren letzten Brief gelegt hatte, um sie gleichzeitig zu beantworten. Dadurch habe ich wohl den Brief, aber nicht mehr die Karte von Augen gehabt, und so ist es halt gekommen. Wir besitzen nun leider an Drucksachen nichts anderes als unsere Jahresberichte, von denen ich Ihnen einige Exemplare beilege, auf die Gefahr hin, dass dieselben post festum kommen und sie dieselben gar nicht mehr brauchen können.

Sie können sich denken, dass mich die Vorgänge in Ungarn auf das lebhafteste interessieren. So etwas von Ueberraschungen hat man ja kaum noch erlebt, unsere verschiedenen „Freunde“ aus der Gesellschaft bei Neumanns (inclusive meines übrigens sehr gescheuten Vetters) werden ja ziemlich trübe in die Zukunft blicken, und ich gestehe, dass ich selbst als Deutsche und als geschworene Feindin jedes Chauvinismus allerlei Besorgnisse hege. Andererseits kann man aber doch vielleicht hoffen, dass ein neuer, frischerer und moderner Zug in die Geschichte kommt, ganz abgesehen vom Frauenstimmrecht mit dessen Verwirklichung es ja wohl auf alle Fälle noch gute Wege haben wird. Vielleicht lachen Sie jetzt über mein laienhaftes Urteil, aber ich bin ja wirklich nur ein „outsider“ und habe als solcher gar nicht die Ambition, die Dinge klar zu überblicken. Die Pointe übrigens in Ihrem Artikel, dass Kossuth seinerzeit von einer Frau in die Volksvertretung entsandt wurde, ist köstlich und hat mir viel Spass gemacht. Natürlich bringe ich den Artikel sofort, da der Name des Sohnes gerade in aller Munde ist.

Hoffentlich geht’s Ihnen gut – von mir kann ich leider nicht das gleiche sagen, denn ich habe eben wieder eine dumme Halsentzündung überstanden. Seien Sie herzlich gegrüsst von Ihrer

sehr ergebenen

Marie Stritt

New York Public Library Manuscripts and Archives Division. Rosika Schwimmer Papers, Box 6.

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